In vielen Unternehmen wird erst dann intensiv über Sicherheit gesprochen, wenn ein Unfall passiert ist. Dabei liefern Ereignisse ohne Verletzte oft die wertvollsten Informationen für die Präventionsarbeit.
Sogenannte Beinaheunfälle sind Warnsignale. Sie zeigen Schwachstellen auf, bevor Menschen zu Schaden kommen.
Was ist ein Beinaheunfall?
Ein Beinaheunfall ist eine Situation, in der ein Schaden nur durch Zufall ausbleibt. Die Gefahr war vorhanden, jedoch kam es nicht zu einer Verletzung oder einem Sachschaden.
Typische Beispiele aus der Elektrotechnik sind:
- Eine Rückspannung wird rechtzeitig erkannt.
- Eine fehlerhafte Kennzeichnung fällt noch vor Arbeitsbeginn auf.
- Ein Werkzeug verursacht beinahe einen Kurzschluss.
- Eine Schalthandlung wird kurz vor der Ausführung korrigiert.
Obwohl nichts passiert ist, zeigen solche Situationen deutlich, dass Sicherheitsbarrieren versagt haben oder Risiken vorhanden waren.
Warum viele Meldungen ausbleiben
In der Praxis werden Beinaheereignisse häufig nicht gemeldet.
Gründe dafür sind beispielsweise:
- „Es ist ja nichts passiert.“
- Zeitmangel.
- Die Sorge vor Schuldzuweisungen.
- Die Annahme, der Vorfall sei unbedeutend.
Genau dadurch gehen jedoch wichtige Erkenntnisse verloren. Die DGUV weist darauf hin, dass gemeldete Beinaheereignisse eine zentrale Grundlage darstellen, um Gefahrenquellen frühzeitig zu erkennen und zu beseitigen.
Das 5-Stufen-Modell der gesetzlichen Unfallversicherung
Das von der BG ETEM entwickelte 5-Stufen-Modell unterstützt Unternehmen dabei, ein gemeinsames Verständnis von erfolgreicher Prävention zu schaffen. Es bietet eine Orientierung, wie Sicherheit und Gesundheit systematisch im Unternehmen verankert werden können, sowohl unternehmensweit als auch in einzelnen Bereichen oder an verschiedenen Standorten. Gleichzeitig hilft das Modell dabei, bestehende Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen und gezielt eine Präventionskultur zu fördern, die auf Lernen, Eigenverantwortung und nachhaltige Verbesserungen ausgerichtet ist.

Gleichgültig: Sicherheit und Gesundheit spielen keine Rolle im Betrieb. Sie werden nur zum Thema, wenn es darum geht (straf-)rechtlichen oder wirtschaftlichen Schaden abzuwenden.
Reagierend: Sicherheit und Gesundheit werden im Betrieb ernst genommen - allerdings nur, nachdem etwas passiert ist, also zum Beispiel nach einem Vorfall oder wenn der Krankenstand auffällig hoch ist. Es werden einfache, eher kurzfristig gedachte Maßnahmen ergriffen.
Regelorientiert: Sicherheit und Gesundheit haben im Betrieb einen hohen Stellenwert. Es herrscht die Meinung, dass Sicherheit und Gesundheit vor allem durch strikte Regeln und Kontrolle zu erreichen sind.
Proaktiv: Hier werden verbindliche Regeln und Systeme als wichtig erachtet, aber nicht als ausreichend. Gemeinsam versuchen Führung und Beschäftigte Gefährdungen aufzuspüren, bevor es zu Unfällen und Erkrankungen kommt.
Wertschöpfend: Eine noch weiter entwickelte Sicherheits- und Gesundheitskultur, in die kontinuierlich investiert wird und die den Betrieb insgesamt leistungsfähiger macht.
Die unsichtbare Barriere
Nach Auffassung der BG ETEM beschreibt das 5-Stufen-Modell einen fortlaufenden Entwicklungsprozess. Während auf den ersten drei Stufen Sicherheit und Gesundheit häufig noch situationsabhängig berücksichtigt werden, verändert sich auf den höheren Stufen die Denk- und Handlungsweise im Unternehmen grundlegend. Die möglichen Auswirkungen auf Sicherheit und Gesundheit fließen dann selbstverständlich in Entscheidungen und Arbeitsabläufe ein. Dieser Perspektivwechsel gilt als entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer gelebten Präventionskultur.
Aus Fehlern lernen statt Schuldige suchen
Eine moderne Sicherheitskultur betrachtet Vorfälle nicht als Gelegenheit für Schuldzuweisungen, sondern als Lernchance.
Dazu gehören:
- offene Kommunikation,
- sachliche Analyse,
- Transparenz bei Verbesserungsmaßnahmen,
- gegenseitige Unterstützung.
Beschäftigte müssen darauf vertrauen können, dass Meldungen ernst genommen werden und nicht zu persönlichen Nachteilen führen.
Kleine Hinweise verhindern große Unfälle
Viele schwere Ereignisse kündigen sich lange vorher an.
Eine unklare Kennzeichnung. Ein nicht dokumentierter Umbau. Eine wiederholt auftretende Regelabweichung.
Wer solche Hinweise ernst nimmt, kann Risiken beseitigen, bevor sie zu einem Unfall werden.
Fazit
Beinaheunfälle sind kein Zeichen für Schwäche in der Organisation. Sie sind eine Chance, Sicherheitslücken sichtbar zu machen. Unternehmen, die aus diesen Ereignissen lernen, stärken ihre Sicherheitskultur und reduzieren langfristig das Unfallrisiko.
Quellen
- BG ETEM: Die 5 Sicherheitsregeln für Arbeiten an elektrischen Anlagen. [bgetem.de]
- BG ETEM: Aus Unfällen lernen – Unfallbeispiele aus der elektrotechnischen Industrie. [bgetem.de]
- BG ETEM: Stromunfälle durch Lichtbogen. [bgetem.de]
- BG ETEM: Schutz vor den Gefahren des elektrischen Stroms. [medien.bgetem.de]
- DGUV Information 206-045 „Fehlerkultur – Noch mal Glück gehabt. Mit Beinaheunfällen richtig umgehen“. [publikatio...en.dguv.de], [publikatio...en.dguv.de]
- DGUV Vision Zero – Handlungsfeld Fehlerkultur. [dguv.de]
- DGUV Information 203-077 zum Störlichtbogenschutz. [dguv.de]

