Wer täglich mit elektrischen Anlagen arbeitet, sammelt wertvolle Erfahrung. Diese Erfahrung ist unverzichtbar, um Gefahren zu erkennen, Arbeiten effizient durchzuführen und auch in komplexen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Doch genau darin liegt eine oft unterschätzte Gefahr: Routine.
Mit zunehmender Berufserfahrung werden viele Arbeitsschritte selbstverständlich. Handgriffe sitzen, Abläufe sind bekannt und vergleichbare Tätigkeiten wurden bereits unzählige Male erfolgreich durchgeführt. Dadurch entsteht leicht das Gefühl, die Situation vollständig unter Kontrolle zu haben. Die tatsächlichen Gefahren elektrischer Energie verändern sich jedoch nicht mit der Erfahrung der Beschäftigten.
Wenn Vertrautheit die Aufmerksamkeit senkt
Viele schwere Unfälle entstehen nicht aufgrund mangelnder Fachkenntnisse, sondern weil Gefahren unterschätzt werden. Die Ursache liegt häufig darin, dass Beschäftigte ihre Arbeitsumgebung als vertraut wahrnehmen und deshalb Risiken weniger bewusst wahrnehmen.
In der Praxis beginnt dies oft mit scheinbar unbedeutenden Verkürzungen von Abläufen:
- Eine Kennzeichnung wird ungeprüft übernommen.
- Eine Dokumentation wird nicht vollständig gelesen.
- Ein Arbeitsschritt wird ausgelassen, weil „alles bekannt“ ist.
- Eine Kontrolle erfolgt nur oberflächlich.
Jeder einzelne dieser Schritte erscheint zunächst harmlos. In Verbindung mit technischen Mängeln, Änderungen an der Anlage oder organisatorischen Fehlern können daraus jedoch gefährliche Situationen entstehen.

Die fünf Sicherheitsregeln kennen reicht nicht aus
Nahezu jede Elektrofachkraft kennt die fünf Sicherheitsregeln. Entscheidend ist jedoch ihre konsequente Anwendung im Arbeitsalltag.
Die von der BG ETEM beschriebenen fünf Sicherheitsregeln bilden die Grundlage für sicheres Arbeiten an elektrischen Anlagen:
- Freischalten
- Gegen Wiedereinschalten sichern
- Spannungsfreiheit feststellen
- Erden und kurzschließen
- Benachbarte unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken.
Unfallauswertungen zeigen immer wieder, dass schwere Unfälle häufig im Zusammenhang mit der unvollständigen Anwendung dieser grundlegenden Schutzmaßnahmen stehen.
Aufmerksamkeit bewusst erhalten
Eine wirksame Sicherheitskultur bedeutet nicht, erfahrene Mitarbeitende zu kontrollieren. Vielmehr geht es darum, die Aufmerksamkeit dauerhaft aufrechtzuerhalten.
Bewährte Maßnahmen sind:
- regelmäßige Sicherheitsunterweisungen,
- Besprechungen realer Unfallereignisse,
- gegenseitige Kontrollen bei kritischen Tätigkeiten,
- konsequente Arbeitsvorbereitung,
- offene Gespräche über Unsicherheiten und Risiken.
Gerade erfahrene Fachkräfte leisten einen wichtigen Beitrag, wenn sie ihr Wissen weitergeben und sich gleichzeitig ihre eigene kritische Haltung bewahren.
Fazit
Erfahrung schützt nicht automatisch vor Unfällen. Je vertrauter eine Tätigkeit erscheint, desto wichtiger wird die bewusste Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen. Wer Routine mit Aufmerksamkeit verbindet, schafft die Grundlage für dauerhaft sicheres Arbeiten.
Quellen
- BG ETEM: Die 5 Sicherheitsregeln für Arbeiten an elektrischen Anlagen. [bgetem.de]
- BG ETEM: Aus Unfällen lernen – Unfallbeispiele aus der elektrotechnischen Industrie. [bgetem.de]
- BG ETEM: Stromunfälle durch Lichtbogen. [bgetem.de]
- BG ETEM: Schutz vor den Gefahren des elektrischen Stroms. [medien.bgetem.de]
- DGUV Information 206-045 „Fehlerkultur – Noch mal Glück gehabt. Mit Beinaheunfällen richtig umgehen“. [publikatio...en.dguv.de], [publikatio...en.dguv.de]
- DGUV Vision Zero – Handlungsfeld Fehlerkultur. [dguv.de]

