In vielen Unternehmen gehören Fachwissen, Erfahrung und technische Kompetenz zum Arbeitsalltag. Dennoch zeigen Unfallanalysen immer wieder, dass Gefahren nicht ausschließlich durch technische Mängel entstehen. Häufig werden Risiken zwar erkannt, aber nicht angesprochen.
Gerade in der Elektrotechnik kann das schwerwiegende Folgen haben. Wer Sicherheitsbedenken aus Rücksicht, Unsicherheit oder Zeitdruck für sich behält, verzichtet möglicherweise auf die letzte Gelegenheit, einen Unfall zu verhindern.
Wenn Risiken erkannt, aber nicht angesprochen werden
Fast jede Elektrofachkraft kennt Situationen, in denen ein ungutes Gefühl entsteht:
- Eine Anlage ist unzureichend gekennzeichnet.
- Der Arbeitsauftrag ist nicht eindeutig.
- Eine Dokumentation ist unvollständig.
- Sicherheitsmaßnahmen wurden nicht vollständig umgesetzt.
- Der Zeitdruck ist außergewöhnlich hoch.
Oft werden solche Beobachtungen wahrgenommen, aber nicht weiterverfolgt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manche Beschäftigte möchten Kollegen nicht kritisieren. Andere gehen davon aus, dass Vorgesetzte die Situation bereits bewertet haben. Wieder andere möchten Verzögerungen vermeiden.
Gerade hierin liegt jedoch ein erhebliches Risiko. Sicherheit lebt davon, dass Auffälligkeiten frühzeitig erkannt und offen angesprochen werden.
Die größte Hürde ist selten die Technik
Technische Schutzmaßnahmen sind sichtbar. Kommunikationsbarrieren hingegen bleiben oft verborgen.
Besonders schwierig wird es, wenn:
- erfahrene Kollegen beteiligt sind,
- Führungskräfte Entscheidungen getroffen haben,
- Fremdfirmen eingebunden sind,
- mehrere Gewerke gleichzeitig arbeiten,
- Termin- oder Kostendruck herrscht.
In solchen Situationen fällt es vielen Beschäftigten schwer, Einwände zu äußern. Dabei darf Sicherheitsverantwortung nicht von Hierarchien abhängig sein. Eine erkannte Gefährdung bleibt eine Gefährdung, unabhängig davon, wer sie verursacht oder übersehen hat.

Sicherheitskultur beginnt mit Zuhören
Eine wirksame Sicherheitskultur zeigt sich nicht daran, dass keine Probleme gemeldet werden. Sie zeigt sich daran, wie mit Hinweisen umgegangen wird.
Beschäftigte sprechen Risiken deutlich häufiger an, wenn sie die Erfahrung machen, dass:
- Hinweise ernst genommen werden,
- Rückfragen willkommen sind,
- Unsicherheiten offen diskutiert werden können,
- keine Schuldzuweisungen erfolgen.
Wo Mitarbeitende mit einer negativen Reaktion rechnen müssen, bleiben viele Beobachtungen unausgesprochen. Wertvolle Informationen gehen verloren, bevor daraus Verbesserungen entstehen können.
Die DGUV betont im Zusammenhang mit Fehler- und Präventionskultur die Bedeutung eines offenen Umgangs mit sicherheitsrelevanten Beobachtungen und Beinaheereignissen. Nur angesprochene Risiken können bewertet und beseitigt werden.
Verantwortung bedeutet auch, Bedenken zu äußern
Verantwortung in der Elektrotechnik besteht nicht nur darin, Arbeiten fachgerecht auszuführen. Sie umfasst auch die Bereitschaft, auf mögliche Sicherheitsmängel hinzuweisen.
Professionelles Verhalten bedeutet daher:
- Fragen zu stellen,
- Unklarheiten anzusprechen,
- Arbeiten bei Unsicherheiten zu stoppen,
- Risiken offen zu benennen,
- gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Ein kurzer Hinweis kann verhindern, dass sich kleine Fehler zu schwerwiegenden Ereignissen entwickeln.
Fazit
Sicherheit entsteht nicht allein durch Regeln, Schutzmaßnahmen und technische Einrichtungen. Sie entsteht auch durch Kommunikation. Wer Sicherheitsbedenken offen anspricht, leistet einen wichtigen Beitrag zur Unfallprävention. Gerade in der Elektrotechnik kann ein ausgesprochenes Bedenken den entscheidenden Unterschied machen.
Quellen
- BG ETEM: Die 5 Sicherheitsregeln für Arbeiten an elektrischen Anlagen. [bgetem.de]
- BG ETEM: Aus Unfällen lernen – Unfallbeispiele aus der elektrotechnischen Industrie. [bgetem.de]
- DGUV Information 206-045 „Fehlerkultur – Noch mal Glück gehabt. Mit Beinaheunfällen richtig umgehen“. [publikatio...en.dguv.de], [publikatio...en.dguv.de]
- DGUV Vision Zero – Handlungsfeld Fehlerkultur. [dguv.de]

